Mit

22.

August

Inferno Triathlon - 2012 (Bericht von Michael)
Geschrieben von: Karen Kleiner   

Von Engeln und dem Teufel

Bericht geschrieben von Michael Huber

Es gibt viele Wege um von Thun auf das Schilthorn zu kommen. Jeder normale Wochenendausflügler würde sich zunächst einen Kaffee und Gipfeli gönnen, dann mit der Bahn über Interlaken in das malerische Lauterbrunnental nach Mürren fahren um schliesslich mit der Seilbahn auf den Piz Gloria zu kommen. Dort darf man es sich im Gipfeldrehrestaurant schon recht gut gehen lassen, um letztendlich nur den halben Preis dafür zu bezahlen, wie manch anderer. Es gibt nämlich eine Spezies die diesen Gipfel auf die komplizierteste zu erdenkende Art, in der längstmöglichen Zeit, anders als günstig erreichen zu wollen und sich währenddessen von Brausewasser und Glibbergel ernähren.

Da ich mir schon des öfteren habe sagen lassen müssen "ich sei nicht ganz normal" war für mich klar, dass es nur einen Weg für mich gibt, einmal auf diesen Berg zu kommen. So habe ich mich zum Infernotriathlon angemeldet.

Es ist Samstag morgens kurz nach 6 Uhr und am Strandbad von Thun herrscht reges Treiben. Es ist teuflisches Wetter vorausgesagt – dabei sind wir doch auf den ganzen Bergen eher dem Himmel näher als der heissen Hölle. Auf der anderen Seeseite leuchtet das Schloss Oberhofen. Bis dorthin ist Schwimmen angesagt. Myriam und ich wünschen uns noch gegenseitig viel Erfolg und dann geht der Spass auch schon los. Auf den ersten Metern wird das Ganze eher zur Wasserwanderung bis der See tiefer wird und ich anfange zu schwimmen. Die Strecke ist einfach geradeaus aber ich findekeinen Rhythmus. Dennoch komme ich voran. Um mich herum ist es sehr einsam geworden. Nacheiner halben Ewigkeit nähere ich mich dem Ufer. Beim Ausstieg gibt es immerhin noch einige treue Supporter, die auch die letzten Schwimmer anfeuern.

Ich schwinge mich aufs Rennvelo und gleich geht es in den ersten Anstieg. Diesen brauche ich um mich von dem Schwimmen zu erholen. Irgendwie hat meine Birne heute wohl zuviel Wasser abbekommen. An Essen ist auch nicht zu denken. Nach einer kurzen Abfahrt geht es weiter nach Beatenberg. Ich hole Myriam ein und wir quasseln kurz über Rennvelos. Im nächsten Anstieg fühle ich mich schon wieder richtig wohl und die Abfahrt nach Interlaken ist dann ein Genuss. Ich kann es gut laufen lassen. In Interlaken stehen wieder viele Supporter am Strassenrand, die einen Zwischenstopp auf dem Weg nach Grindelwald eingelegt haben. Jetzt heisst es erstmal flach treten bis Meiringen. Ich fahre in den ersten Kreisverkehr, der wiederum gut besucht mit Supportern ist. Elegant drehe ich mit gutem Schwung hindurch, jedoch passiert mir bei der Ausfahrt das Malheur, dass ich die rechte Pedale einen Tick zu spät hochziehe. Ein kurzes Kratzgeräusch und das Rad wirft mich wie ein bockiger Gaul einmal ab. Ein kurzer Aufschrei geht durch die Menge und dann ist es still. Ich stehe auf stecke meine Trinkflasche wieder in den Flaschenhalter und steige aufs Rad. Eine Zuschauerin fängt sich wieder und fragt etwas vorsichtig "Ca va?". Ich murmle ein "oui" zurück und bin noch etwas verärgert über meinen Fahrfehler. Jetzt bekomme ich noch einige Anfeuerungsrufe mit auf den Weg und schon trete ich in die Pedale. Erst jetzt mache ich mir Gedanken, wie ich und mein Velo eigentlich aussehen. Der Bremshebel ist irgendwie etwas verbogen, Hinterrad fährt manchmal etwas schwammig, neues Trikot nach 30km einfahren schon kaputt, Ellenbogen etwas aufgeschürft und diverse andere Stellen an denen es drückt. Ich habe einfach einen Schutzengel in diesem teuflischen Kreisel gehabt. Bis Meiringen fährt es sich dann recht unspektakulär. Am Brunnen hinter Meiringen will ich noch etwas Abkühlung und sehe etwas zu spät die kleine Rinne. Ich bremse komme aber nicht mehr aus den Pedalen heraus und falle auf die andere Seite. Nichts passiert (ausser blauer Fleck und einen Kratzer) aber passt einfach zu dem heutigen Tag. Eigentlich beginnt erst jetzt der Triathlon so richtig. Die Grosse Scheidegg komme ich ganz gut hoch. Immer mal wieder sammle ich einen Athleten ein. Die Hitze drückt so langsam durch. Ich kann schwer sagen, ob mich mein Missgeschick noch stark stört, es zwickt mal hier und da. Irgendwann war der Pass dann auch erreicht und jetzt heisst es nur noch locker nach Grindelwald rollen, etwas verschnaufen und dann mit neuem Bike zur kleinen Scheidegg. Ich fahre gerade durch die erste Kehre als mein Vorderrad einen lauten Knall macht und eine Speiche gerissen ist. Sofort habe ich einen riesen Schlag in der Felge. Die Abfahrt wurde dann alles andere als erholsam. Vorne eierts und bremst es, hinten ist es schwammig und der Bremshebel verbogen. An zügiges Fahren ist nicht mehr zu denken. Ständig in Bremsbereitschaft, da das Velo noch weitere Auflösungserscheinungen zeigen könnte. Trinken ist jedenfalls nicht drin und der Lendenbereich verkrampft sich schön.

In Grindelwald heisst es dann neues Bike neues Glück. Voller Elan fahre ich den ersten Teil zur kleinen Scheidegg hoch. Das Bike geht wirklich gut ab. Im oberen Teil will das Bike zwar noch mehr, aber jetzt macht sich doch meine fehlende Erholungsphase bemerkbar. So krieche auf die kleine Scheidegg und erlaube mir sogar noch eine kleine Erholungspause kurz vor dem Pass. Jetzt beginnt der Teil auf dem ich mich am meisten gefreut hatte. Neues Bike und dann eine richtige Abfahrt runterfräsen. Ich habe sie alle wieder eingeholt, die ich am letzten Teil des Aufstiegs vorbeiziehen habe lassen müssen. Das Bike fährt einfach. Selbst in den etwas technischen Passagen fahre ich einfach durch. Im unteren Teil geht die Strecke in eine recht steile mittelbreite Passage mit vielen Kurven über. Ich fahre auf eine Kurve zu und merke etwas zu spät, dass es zu viel loses Geröll auf der Innenseite hat. Ich kippe zur Seite möchte aber vermeiden, dass mein neues Bike jetzt schon nen Kratzer abbekommt. Also bekommt mein Unterschenkel dafür paar leichte Kratzer mehr ab. Ich stehe auf und sehe wie eine Athletin paar Meter nebendran im Grass sitzt. Ein Helfer funkt gerade "sieht nicht so gut aus". Ich denke mal wieder an meinen Schutzengel und fahre weiter. Noch einen Spurt auf der Strasse und dann ist auch schon der Wechsel in Stechelberg erreicht.

Ich tausche noch paar Worte mit Sabina und Christoph und mache mich auf den Weg. Zuerst geht es schön flach zurück nach Lauterbrunnen. Im Anstieg laufen die 3 Wilden vom Tri Team Süsch auf mich auf. Es bildet sich eine gesellige Plauderrunde. Immer wenn einer wieder losrennen will, finden sich zwei andere, die einen wieder bremsen. Eine Athletin joggt nebenher, aber als sie nach paar hundert Metern feststellt, dass ich gehenderweise neben ihr sie doch noch überhole, lässt sie das Laufen auch sein. Ich finde wieder einen guten Rhythmus und ziehe weiter nach vorne. In Mürren wird man gross begrüsst. Der Zieleinlauf für die Teamläufer ist erreicht. Eine Team-Athletin läuft neben mir. Ich meine zu ihr, dass sie den Läufer vor ihr doch wohl noch holen würde. Sie japst, dass sie fertig sei, aber ich beschliesse für die paar hundert Meter den Tempohasen zu spielen. Und so holt sie sich den Läufer und auch den nächsten. Ich bekomme noch ein Dankeschön und viel Erfolg auf den Weg und mache mich auf auf den nächsten Brocken. Ich habe ein gutes Lauf- und Gehtempo, so dass ich doch recht viele Athleten einsammle. Es zieht sich, aber so richtig kaputt wie noch auf der kleinen Scheidegg bin ich nicht. Nach unzähligen Anstiegen thront ganz oben der Gipfelaufbau des Schilthorns. Auf dem vorletzten Kilometer habe ich dann mit dem Gel etwas verkalkuliert, was mich einen Kilometer gekostet hat um wieder in den Rhythmus zu kommen. Nach über 12 Stunden komme ich schliesslich auf dem Gipfel an und geniesse den Ausblick. Von Christoph und Sabina werde ich schon erwartet, die es sich in der Zwischenzeit im Restaurant gutgehen haben lassen.

Die rechte Pobacke hat eine schöne Prellung, der rechte Ellenbogen etwas geschürft, der linke Halsseite verzogen, ein Kratzerli am linken Arm, eine kleine Schürfung am linken Unterschenkel, der Helm hat einen Riss, das Vorderrad kaputt, Hinterrad und Bremshebel vielleicht noch zu retten, das Trikot kaputt, aber eigentlich gehts mir gut. Für diese viele Fliegerei habe ich erstaunlich wenige Schrammen. Um den Inferno zu finishen muss man wohl entweder den Pakt mit dem Teufel eingehen oder genügend Schutzengel haben ;-).

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 22. August 2012 um 18:05 Uhr